Im Test: Riese und Müller Multicharger 2022

Was zeichnet den Design & Innovation Award Gewinner 2022 aus?

Christof testet das Multicharger von Riese und Müller

So sieht also der Design & Innovation Award-Gewinner 2022 aus! Ich stehe vor dem brandneuen Riese & Müller Multicharger Mixte GT Touring 750 und mein Blick schweift von vorne nach hinten über das Bike. Die klassische Riese & Müller Farbkombination Pearl-White / Black Matt steht dem Testrad, das in dieser Konfiguration 5.499 € kostet, ausgezeichnet und lässt es sportlich elegant wirken. Das Weiß gibt dem Rad eine gewisse optische Leichtigkeit und lässt es weniger wuchtig erscheinen. Was neben dem serienmäßigen Frontträger direkt ins Auge sticht, ist der extra lange Hinterbau mit dem markanten Gepäckträger.

Er trägt die eingeprägte Aufschrift: Max Load 65 kg. Wow! Spätestens jetzt wird klar Riese & Müller macht hier Ernst. Das Mulitcharger ist ein vielseitig einsetzbares Lastenrad, im Gewand eines Touren & Pendler Pedelecs. Wie sich dieses besondere Lastenfahrrad im Gelände schlägt, habe ich gleich einmal getestet:

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Ausstattungsoptionen des Riese & Müller Multicharger

Besonders pfiffig sind die konfigurierbaren Ausstattungsoptionen für den Personen- und Gepäcktransport. So gibt es bei Riese & Müller nicht nur 2 variable Cargo-Taschen (159,90 €) mit jeweils 33 Liter Volumen, sondern auch ein sogenanntes Passagier-Kit (169,90 €). Mit einem Haltegriff am Sattelrohr, einer bequemen Sitzfläche und ausklappbaren Fußrastern wird das Multicharger zum coolen e-Taxi! Erinnerungen werden in mir wach an urbane Mobilität & Dolce Vita mit kultigen Vespas in italienischen Großstädten. Auf Motorlärm und den Gestank von verbranntem Öl kann ich heute aber gerne verzichten. Der Coolnessfaktor bleibt. Mit dem Passagier-Kit finden Kinder ab 6 Jahren und bis 65 kg Gewicht ihren Platz.

Für die ganz Kleinen gibt es das Safety-Bar-Kit (Preis 319,90€). Zwei Kinder bis zum Grundschulalter finden damit hintereinander bequem Platz, gut gesichert durch eine stabile Außenstrebe. Ein Kindersitz für ein Kleinkind kann ebenfalls darin montiert werden. Eine zweite Strebe dient zum Festhalten, so dass Hände und Arme im Innenbereich bleiben. Der Speichenschutz verhindert den ungewollten Kontakt zwischen Speichen und Frachtgut oder Befestigungsgurten.

Der Sideloader dient als Fußstütze, zum Befestigen größerer Gepäckstücke oder zum Transport eines Kinderfahrrads. Das nenne ich mal gut durchdacht! Schade, dass es all diese Dinge noch nicht gab, als mein Sohn noch klein war …

Die Mixte Rahmenform

Der Mixte-Rahmen mit dem abgesenkten Oberrohr, gefällt mir zwar optisch weniger gut als ein klassischer Diamantrahmen, er erleichtert den Ein- und Ausstieg in das Multicharger aber ungemein, vor allem wenn die „Rückbank“ belegt ist. Das Rad hat eine Gewichtsfreigabe von bis zu 175 kg – damit lässt sich so einiges transportieren!

Das Riese und Müller Mutlicharger vor einem See

Neu beim 2022er Multicharger ist das viel diskutierte „Bosch Smart System“: Es beinhaltet einen neuen, superstarken 750 Wh Akku (der sich entnehmbar im Unterrohr befindet), eine neue LED-Remote und ein neues Kiox 300 Display. Laut Bosch stellt es den Antrieb in Sachen Konnektivität mittels App auf eine neue Stufe. Mit den Funktionen und Anzeigen werde ich mich gleich noch vertraut machen, am meisten gespannt bin aber zunächst, wie sich das R&M Multicharger tatsächlich fährt.

Bosch Antrieb

Auf geht’s zur Probefahrt!

Der e-Bike Enthusiast Manfred Schwendemann, von e-motion e-Bike Welt & Lastenfahrrad-Zentrum Freiburg Süd, hat mir freundlicherweise das Bike zu Testzwecken zur Verfügung gestellt. Meine Testfahrt führt mich von der Kurstadt Bad Krozingen aus in die Staufener Altstadt zum Wochenmarkt und von dort hinauf zur Burgruine und danach ins schöne Münstertal, im Südschwarzwald.
Verschiedene Untergründe, mit Asphalt, Pflastersteinen und Naturwegen. Flache und steile Passagen, innerstädtisch wie außerstädtisch, stellen dabei hohe Anforderungen an die Flexibilität des Riese & Müller e-Bikes. Schon auf den ersten Metern fallen mir zwei Dinge direkt auf:

Ein Mann fährt mit dem Multicharger von Riese und Müller einen ländlichen Weg entlang

Erstens, das Multicharger fährt sich weit agiler als man es von einem Lasten-Pedelec, das bei mir 31,8 kg auf die Waage brachte, vermuten würde. Es fährt sich im Prinzip wie ein normales Pedelec und ist bei weitem nicht so sperrig wie so manches Lastenrad.

Zweitens, die Sitzposition ist im Vergleich zum Charger3 das ich noch vor wenigen Wochen getestet habe, aufrechter, komfortabler und etwas weniger sportlich. Dies dürfte vor allem dem nach hinten gekröpften Lenker mit deutlich mehr Backsweep geschuldet sein, der dadurch auch schmaler wirkt als beim Charger3. In den engen Gassen von Staufen erleichtert es das Durchkommen im quirligen Leben, zwischen Fußgängern, Marktständen und Straßencafes. Wenn ich mir allerdings vorstelle, dass ich mit zwei lebhafte Kiddies hinten die Balance halten muss, würde ich mir persönlich wohl doch einen etwas breiteren Lenker wünschen, gerne auch mit weniger Backsweep.

Der Lenker vom Riese und Müller Multicharger

Ein agiles Lastenrad

Im Vergleich zum Charger3 hat das Multicharger einen um 6 cm längeren Radstand (124 cm in Größe M). Bedingt durch die 26 Zoll Reifen liegt der Schwerpunkt angenehm tief und auch die Gesamtlänge gerät keineswegs zu lang. So entsteht ein vergleichsweise wendiges, agiles Bike, bei dem Richtungswechsel und selbst enge Kurven noch Freude bereiten.
Lange Lastenräder haben innerstädtisch oft das Problem kaum geeignete Abstellmöglichkeiten zu finden, da ausgewiesene Fahrradstellplätze oft von den Stadtplanern viel zu kurz dimensioniert sind. Mit dem Multicharger stellt dies aber zum Glück kein Problem dar, da es nicht länger ist, als z.B. ein modernes e-MTB.

Das Riese und Müller Multicharger mit einem Obstkorb

Etwas nachteilig zeigen sich die 26 Zoll-Laufräder allerdings im Überrollverhalten. Gerade auf dem alten Pflasterstein, hier in der Staufener Altstadt, rollen 27,5 Zoll oder 29 Zoll Reifen doch
komfortabler. Abhilfe schafft hier etwas weniger Luftdruck in den Reifen und in der Suntour-Luft-Federgabel.

Das Riese und Müller Multicharger auf dem Markt beim Einkaufen

Ich verlasse die Altstadt und nun geht es steil bergauf zur Burgruine Staufen. Mir fällt angenehm auf, dass selbst unter Voll-Last, der Bosch Performance Line CX 4.0 hier im Riese & Müller Multicharger, vergleichsweise leise arbeitet. Mit dem kräftigen 85 Nm Motor und der präzisen 11-fach Ketten-Schaltung (Touring Ausstattung) werden selbst steilste Passagen zum Kinderspiel. Die Burgruine im Sonnenlicht gibt eine tolle Location für ein Fotoshooting mit dem R & M. Ich liebe den Kontrast von altem Gemäuer und moderner, zeitgemäßer Technik.

Das Riese und Müller Multicharger steht auf der Wiese

Das Riese & Müller Multicharger mit Bosch Smart System

Rundum gelungen ist die neue LED-Remote. Ergonomisch liegen alle wichtigen Funktions-Tasten für mich gut erreichbar. Bei Bedarf lässt sich die Remote aber auch vertikal wie horizontal justieren.
Wer schon einmal mit einem Bosch-Antrieb zu tun hatte, wird sich intuitiv schnell zurechtfinden. Die bislang wichtigste Neuerung liegt für mich in den mittels App nun individuell anpassbaren
Unterstützungsstufen.

Wer schon unterwegs war mit gemischten RadGruppen aus Bio-Bikern und e-Bikern kennt das Problem: Selbst im ECO-Modus ist der e-Biker einem normal fitten Bio-Biker immer noch haushoch überlegen, was regelmäßig für Verdruss auf beiden Seiten sorgt. Hier schafft die E-Bike Flow-App von Bosch jetzt Abhilfe. Man kann die Unterstützung individuell anpassen, sprich bei Bedarf auch reduzieren. Das Smart System stellt dabei eine Zäsur dar bei Bosch.

Lenker mit Bosch System

Bosch spricht von ganz neuen, zukunftsweisenden Möglichkeiten in Sachen Flexibilität und Konnektivität. Tracking & Diebstahlschutz spielen dabei genauso eine Rolle, wie stetig wachsende Neuerungen über Softwareupdates, die der Kunde mittels Flow-App nun selbst vornehmen kann. Auch sind hardwareseitig in Zukunft weitere Akkugrößen und vermutlich auch Displays geplant.

Was wann genau kommt, ist im März 2022 noch nicht bekannt. Fest steht aber schon jetzt, es gibt keine Rückwärts-Kompatibilität. Noch nicht einmal das bisherige Ladegerät kann weiter verwendet werden. Wer also einen Bosch-Antrieb von 2021, oder früher besitzt, wird nie in den Genuss der Neuerungen kommen. Enttäuschend wird auch zur Kenntnis genommen, dass das Smart System keine Möglichkeit bietet, sein Mobile Phone damit zu laden. Das wäre wichtig und tatsächlich „smart“ gewesen, weil die Flow App auf dem Mobiltelefon ja die zentrale Schnittstelle darstellt.
Auch ist es in Sachen Konnektivität mit anderen Geräten eher enttäuschend. Wer z.B. gewohnt ist sein Tracking, oder seine Navigation, über einen Radcomputer wie ein Garmin zu tätigen, wird feststellen, dass das Smart System keine Verbindung über ANT+ herstellt.

Bosch Display

Ansonsten gibt es aber nichts zu bemängeln, ganz im Gegenteil. Sowohl das Kiox 300 Display, als auch die Remote überzeugen optisch wie funktional. Das Bike lässt sich auch nur mit der Remote fahren,
ohne Display. Der auf 750 Wh erstarkte Bosch-Akku bietet genügend Reserven für nahezu alle Lebenslagen. Rund 700 Gramm Mehrgewicht sind bei einem e-Bike dieser Kategorie, angesichts der erhöhten Reichweite, zu verkraften.

Unterwegs auf Schotter- und Naturwegen

Ich lasse die Altstadt von Staufen hinter mir und mache mich auf den Weg ins Münstertal. Mal ist der Untergrund asphaltiert mal unbefestigt. Wer häufiger auf Schotter- oder Naturwegen unterwegs ist kann die GX-Option wählen, mit leicht rollenden Smart Sam Stollenreifen. Wobei auch die standardmäßig verbauten Schwalbe Super Moto X Reifen unter den trockenen Bedingungen heute gut rollen und mir ausreichend Grip und Dämpfung bieten.

Die Wendigkeit des Multicharger Mixte wird nun in einem ersten Härtetest auf die Probe gestellt. Die einspurige Münstertalbahn hat auf dem Radweg einen kleinen, unbeschrankten Bahnübergang, an dem enge Gitter im 180° Winkel, Radfahrer zum Absteigen veranlassen sollen. Mit einem normalen Rad wird das Passieren hier schon schwierig. Ob ich mit dem langen Multicharger wohl hier „ums Eck“
komme? Ein Versuch ist es Wert und siehe da – es geht tatsächlich!

Ein Mann fährt mit dem Multicharger von Riese und Müller einen ländlichen Weg entlang

Das Grinsen bekomme ich auf dem nächsten Kilometer nicht mehr aus dem Gesicht. Dass das Multicharger prädestiniert ist für e-Mobilität und als Transportmittel im urbanen Umfeld steht außer Frage. Eignet es sich auch für Entdeckungstouren und Mikroabenteuer in der Natur? Bei meinem letzten Teil der heutigen Testfahrt möchte ich dies herausfinden. Ziel ist der Aussichtspunkt „Köpfle“ im Münstertal.

Es geht steil bergauf, die Wege sind unbefestigt. Die 11-Gang Shimano XT-Kettenschaltung hält passende Gänge für jedes Terrain bereit und lässt sich wunderbar schalten. Ich gewinne mehr und mehr an Höhe und der bärenstarke Bosch CX 4.0 Motor schiebt kraftvoll an. Die Suntour Luftfedergabel und die Cane Creek Sattelstütze federn grobe Unebenheiten effizient weg und selbst ein kurzer Trailabschnitt stellt kein Problem dar. Wow! Welches andere Lastenrad kann das?

Lasten e-Bike mit Schiebehilfe

Bald darauf stosse ich auf Wanderer. Wir grüßen uns freundlich, ich steige ab. Zeit die Schiebehilfe zu testen. Auf dem nur leicht ansteigenden Pfad bietet die Schiebehilfe allerdings nur wenig Unterstützung. Wenn ich mir vorstelle hier das Multicharger mit Gepäck schieben zu müssen, würde ich mir definitiv mehr Unterstützung wünschen. Kurz darauf steigt der Weg rapide an und plötzlich arbeitet auch die über einen Neigungssensor gesteuerte Schiebehilfe mit voller Kraft und zieht mich samt Bike vehement nach oben. Die Abstimmung der Unterstützung könnte für meinen Geschmack etwas linearer verlaufen.

Das Multicharger von Riese und Müller steht auf einer Wiese

Die letzten Höhenmeter zum Aussichtspunkt erklimme ich über eine Weide und auch auf Graswegen rollt das Rad komfortabel und geschmeidig. Oben angekommen genieße für einige Minuten die fantastische Aussicht auf den benachbarten 1414 m hohen Belchengipfel und auf das tief unten liegende Münstertal bevor ich mich an die rasante Abfahrt mache. Den Sattel senke ich dazu etwas ab – kein Problem, dank Schnellverschluss.

Das Riese & Müller Multicharger GT Touring 750 fährt sich gutmütig und leicht kontrollierbar. Besonders die bissfesten Magura MT5 / MT4 Bremsen sind gut dosierbar und zeigen sich sehr standfest. Das Bike vermittelt viel Sicherheit und macht auch bergab richtig Spass. Der Lenkwinkel und der tiefe Schwerpunkt, erinnern mich an mein 26 Zoll Hardtail.
Natürlich ist das Multicharger kein e-MTB, der gelegentliche Einsatz auf Waldwegen stellt aber kein Problem dar. Ausgedehnte Trekking- und Abenteuer-Touren mit Abschnitten abseits asphaltierter Straßen, sind problemlos möglich.

Fazit zu Riese & Müller Multicharger Test

Das Multicharger Mixte GT Touring 750 bietet Riese & Müller-typisch eine hohe Qualität und schließt erfolgreich die Lücke zwischen einem reinen Lastenrad und einem Touren- und Pendler-Pedelec. Oder anders ausgedrückt: Es fährt sich fast wie ein normales Pedelec, bietet aber weitreichende Lastenrad-Optionen. Und last but not least: Mit dem neuen Bosch Smart System, inklusive 750 Wh Akku, ist man gerüstet für die Zukunft. Man darf gespannt sein, was Bosch hier noch alles entwickelt und ob Details, wie die fehlende Lademöglichkeit für das Handy, noch nachgebessert werden. Der Design & Innovation Award Gewinn 2022 erscheint mit jedenfalls wohlverdient.

Die Lastenrad-Experten

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